An einem regnerischen Abend fand in Ronsdorf eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Bandwirkerplatz statt, musikalisch begleitet vom Chor Musik 74.
Aufruf zur Wachsamkeit und ein Gedicht gegen den Faschismus
Uwe Schuchhardt (Naturfreunde Wuppertal) erinnerte an alle, die gegen das NS-Regime Widerstand geleistet haben und verlas die Namen von neun Ronsdorfer Arbeitern, deren Namen auf Stolpersteinen im Stadtteil bzw. auf einer Gedenktafel am Bandwirkerplatz zu lesen sind.
„Sich an Menschen zu erinnern bedeutet, sie innerlich wieder zum Leben zu erwecken“, so Schuchhardt, der dazu einlud, die Geschichte dieser Menschen kennenzulernen (beispielsweise unter www.zeitzeichen-wuppertal.de oder www.stolpersteine-wuppertal.de).
Paul Wülfrath war Gründungsmitglied der Naturfreunde in Ronsdorf und ist einer der Menschen, die auf der Gedenktafel zu finden sind. Pauls Sohn Günter Wülfrath trug auf dem Bandwirkerplatz das Gedicht „Manchmal ist es Utopie“ vor, mit dem er an seinen Vater erinnerte (siehe unten).
Uwe Schuchhardt interpretiere das Gedicht so, dass es zur Wachsamkeit und rechtzeitiger Gegenwehr gegen aufkeimenden Faschismus ermahnen solle. „Denn sind die Befürworter von willkürlicher Gewalt, Unmenschlichkeit und Krieg erst einmal an der Macht, ist gegen sie kein Kraut mehr gewachsen.“
Seine Rede schloss er mit den Worten: „Und lassen Sie uns weniger Wert auf die Meinungsunterschiede zwischen uns, den demokratischen und humanistischen Kräften diesseits der Brandmauer legen. Achten wir mehr auf die Unterschiede zu den autokratischen und faschistischen Kräften jenseits der Brandmauer!“
Lektionen aus der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft
Pfarrer Dr. Jochen Denker nannte die Demokratie eine bewusste „Reaktion auf die Barbarei des Nationalsozialismus“ und warnte: „[…] wenn meine Empathie und mein Verantwortungsbewusstsein nur der eigenen Gruppe gilt, […] wenn die Würde des Menschen nicht mehr unantastbar ist, […], dann steht unsere Demokratie auf der Kippe.“
Er erinnerte, dass die Gräueltaten der Nationalsozialisten nicht von „Monstern“, sondern „Menschen wie Du und ich“ begangen wurden.
Bei Erinnerungsveranstaltungen gehe es daher einerseits darum, der Opfer zu gedenken. Wichtig sei aber auch, Lektionen aus der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft mitzunehmen.
Das Ende der Demokratie beginne mit der „inneren Zersetzung“, so Denker weiter: „[…] mit der Entsolidarisierung untereinander, […] mit Manipulation des Wissens und Gewissens […], mit einer Verrohung der Sprache, die Menschen als Müll, als Tiere, als Ungeziefer bezeichnet […].“ Anstatt sich voneinander abzukehren, forderte Denker: „Wendet euch einander wieder zu. Erkennt selbst im euch fremden euren Mitmenschen.“
„Widersprechen – nicht schweigen“, sei die Devise, wenn „[…] wir dem Geist der Menschenfeindlichkeit begegnen […].“ Zusätzlich müsse jeder immer den Versuch unternehmen, miteinander in Kontakt zu kommen und sich nicht dazu verleiten zu lassen, an vermeintliche Feindbilder zu glauben.
Warnung vor Entfremdung und Appell an das Miteinander
Scharfe Kritik übte Jochen Den-ker an der AfD: „Es gibt in Deutschland eine Partei, die von der Spaltung unserer Gesellschaft und dem unseligen Parteiengezänk der anderen zurzeit massiv profitiert. Sie lebt von der Polarisierung und von Empörung und davon, dass man auf ihre Parolen mit Gegenparolen antwortet.“
Zwar gebe es im Umfeld der Partei „Überzeugungstäter“, die „für die Demokratie ,verloren‘“ seien: „Aber das sind bei weitem nicht alle, die sich zurzeit im Dunstkreis der AfD orientieren“, führte Denker weiter aus.
Wichtig sei es, mit diesen Menschen weiter in Kontakt zu bleiben, sie nicht zu pauschalisieren: „Wir dürfen und müssen nicht nur widersprechen – wir müssen wieder sprechen und einander zuhören und die Basis wieder aufbauen, auf der wir zusammenleben können, auch wenn wir nicht einer Meinung sind.“ Das sei zwar anstrengend und setze gegenseitigen Willen voraus, wie Denker einräumte, letztlich sei dafür aber jeder selbst verantwortlich.
Schließlich fasste er zusammen: „Gedenktage wie der heutige müssen ein gegenseitiges Versprechen für die Gegenwart und Zukunft sein. Angesichts der Menschen, die ihr Leben verloren, weil andere sich weigerten, ihre Mitmenschen zu sein, sagen wir: ,Wir machen es anders‘.
Manchmal ist es noch Utopie
Vor meinem Geburtshaus ein Stolperstein,
er soll Erinnerung an meinen Vater sein.
Ich stell‘ mir vor an diesem Ort,
läge der Faschismus begraben
und wer vorübergeht verspürte sofort,
solch Grab kann man ohne Trauer ertragen.
Doch leider ist dieser Wunsch noch Utopie
und der Kampf erfordert viel Fantasie
Antifaschisten stellen den Kampf nicht ein
Stolpersteine sollen uns Mahnung ein.
Vor meinem Geburtshaus ein Stolperstein,
soll mehr als Erinnerung an meinen Vater sein.
von Günter Wülfrath, Juli 2025
Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit
Die Gedenktafel am Bandwirkerplatz wurde nach der Veranstaltung mit weißen Rosen geschmückt – ein Zeichen des Widerstandes gegen das NS-Regime.
Sie erinnert an Ronsdorfer, die in Gefängnissen und Konzentrationslagern ermordet wurden: Die jüdischen Familien
Leffmann – Löwenthal – Vogel, sowie: Karl Bläcker – Hugo Ebbinghaus – Otto Kutschat – Eugen Schwebinghaus – Robert Stamm – Paul Wegmann.
Zusätzlich erinnerte Uwe Schuchhardt an drei Ronsdorfer Widerständler gegen das NS-Regime, denen Stolpersteine im Stadtteil gewidmet sind: Hildegard Ebbinghaus – Fritz Steinbrenner – Paul Wülfrath
Von Moritz Körschgen